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Montag, 17. März 2008

Lebenswende

Gestern lief in "History" eine Doku über die 68-iger. Eine Zeit, an die ich mich gut erinnern kann. Ich ging damals in die vom Jugendamt und meiner einfältigen Pflegemutter amtlich verordneten Lehre und hatte einen derartigen Wutkloß im Hals, dass ich fast daran zu ersticken drohte. Muff, Kleingeist, Selbstgerechtigkeit und diese "es muss doch auch mal Schluss sein damit" Mentalität mit der die Alten die NS-Zeit abzustreifen suchten, all das hatte mich so wütend gemacht, dass ich mein gesamtes Umfeld am liebsten in die Luft gesprengt hätte. Heute zähle ich diese Jahre zu den schlimmsten, die ich durchgemacht habe. Innerlich völlig zerrissen und längt überzeugt davon, dass ich dort, wo man mich hingesteckt hatte, nicht hingehörte und auch nicht hingehören wollte, rettete ich mich an den einzigen Ort an den mir meine geschwätzige Pflegemutter nicht folgen konnte: In meine Phantasie, in der ich mir aufregende Geschichten um Menschen ausdachte, die in einer anderen Welt lebten als in der, in der ich mich gefangen glaubte.
Auf einer Hitliste "der größten Idioten, die Ihnen in Ihrem Leben begegnet sind" stünde bei mir auf Platz eins mein damaliger Lehrmeister, dessen Lebensmotto "Ordnung ist das ganze Leben" (das "GANZE" hatte er extra zweimal unterstrichen) gut sichtbar in unserem Aufenthaltsraum hing. Er unterhielt sich nur flüsternd, war geizig wie Dagobert Duck und selbstherrlich bis zum Esgehtnichtmehr. Eins seiner Glanzstücke: Er ging am Samstag regelmäßig von Kundin zu Kundin, hielt ihr sein geöffnetes Portemonnaie unter die Nase und sagte vorwurfsvoll-leidend: "Sehen Sie, fünf Mark, das ist alles, was mir von dem Laden bleibt."
Eines Tages griff eine Kundin in ihre Rocktasche, zog 50 Pfennige heraus, warf sie Trzewik in die Geldbörse und sagte "So, jetzt können Sie sich wenigstens eine warme Mahlzeit kaufen" Und wisst ihr, was der Trottel gemacht hat? Er hat "Danke" gesagt, hat gebücklingt und ist mit einem seligen Lächeln zur nächsten Kundin gegangen.
Platz zwei würde mein doofer Quasi-Schwager belegen, der im Keller stapelweise Pornoheftchen hortete und stolz darauf war nie in seinem Leben ein Buch gelesen zu haben.
Aber dann kamen die Studentenaufstände. Die Proteste der jungen Menschen, die völlig neue Musik, die Rebellion gegen Autorität und Spießertum, all das war für mich damals wie ein Korken, der aus einer unter Druck stehenden Seltersflasche schießt. Von da an habe ich aufgehört ein braves Mädchen zu sein und habe meinem bisherigen Leben und der Pflegefamilie den Rücken gekehrt und endlich all das gemacht, was ich schon immer tun wollte.
Oh ja, ich habe einen Haufen Unsinn angestellt und hartes Lehrgeld bezahlt, aber ich sage es hier laut und deutlich: ICH BEREUE NICHTS!

Wie ist das bei euch? Gibt oder gab es da auch so eine Lebenswende an der alles plötzlich in eine andere Richtung ging?
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